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Malteser Region Baden-Württemberg

Kunst gegen das Vergessen: Malteser Demenzgruppe aus Kirchheim besucht Staatsgalerie in Stuttgart

"Einfach Kunst"- eine spezielle Führung für Menschen mit Demenz

26.07.2018
Die Kunsthistorikerin Sabine Lutzeier (vorne rechts) führte die Gruppe zunächst zu dem von dem Künstler Gottlieb Schick geschaffenen Porträt der ‚Wilhelmine von Cotta‘. Foto: Malteser
Bei der Führung "Einfach Kunst" wirken die ausgewählten Bilder oftmals wie ein Schlüssel, der die Lebenswelten der dementiell veränderten Besucher öffnet. Foto: Malteser
Mit großem Interesse verfolgt die Malteser Demenzgruppe aus Kirchheim die Führung. Normalerweise treffen sich die älteren Damen und Herren immer mittwochs im Café Malta zu Gymnastik und Sitztanz, zum Singen und Erzählen sowie zum Malen und Gestalten. Foto: Malteser
Für die Damen und Herren der Kirchheimer Mal- und Demenzgruppe war die Führung in der Staatsgalerie ein ganz besonderes Erlebnis. Foto: Malteser

Kirchheim/Stuttgart. „Früher habe ich in meiner Freizeit auch selbst gemalt", erzählt die 88jährige Besucherin der Staatsgalerie. „Besonders viel Freude hat mir das Aquarellmalen gemacht“, betont sie. Normalerweise trifft sie sich mittwochs immer im Café Malta bei den Maltesern in Kirchheim mit anderen älteren Damen und Herren, um gemeinsam Gymnastik und Sitztanz zu machen, zu erzählen, zu singen, Kaffee zu trinken und auch zu malen und zu gestalten. „Alles zusammen hat einen therapeutischen Ansatz“, so Dr. Leo Reich, der die Gruppe anleitet und zum Vorstand der Margarethe und Fritz Faber Stiftung gehört, welche die Malteser Demenzarbeit seit vielen Jahren auch finanziell unterstützt.

Heut jedoch schaut sich die Hobbymalerin mit der Gruppe des Café Malta in der Stuttgarter Staatsgalerie ausgewählte Kunstwerke alter Meister an. „Einfach Kunst“ – so nennt sich diese Führung. Es ist ein besonderes Angebot für Menschen mit demenziellen Veränderungen, speziell auf deren Bedürfnisse zugeschnitten.

„Die behutsame Bildauswahl kann wie ein Schlüssel wirken, der die emotionalen Lebenswelten und die reiche Lebenserfahrung der Teilnehmer öffnet“, erläutert Anke Bächle, die diese Museumsbesuche für Menschen mit Demenz organisiert. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Sabine Lutzeier führt sie die Gruppe zunächst zu dem von dem Künstler Gottlieb Schick geschaffenen Porträt der ‚Wilhelmine von Cotta‘. „Schauen Sie sich mal diese Frisur an“, fordert Lutzeier die Besucher, in der Mehrzahl Frauen, auf, die sich im Halbkreis auf bereitgestellten Klappstühlen oder auf ihren Rollatoren vor dem Bildnis niedergelassen haben. „Kennen Sie das auch noch, solche ondulierten Haare!? Und wie gefallen Ihnen das Kleid und die Schuhe der Dame?“ Einfühlsam weckt sie Erinnerungen an die frühere Mode, welche die Betrachter des Bildnisses bereitwillig mit ihr teilen.

Beim nächsten Gemälde, dem ‚Mittagsgebet bei der Ernte‘ von Theodor Schütz, sprudeln die Eindrücke und Kommentare der Betrachter nur so heraus. Landwirtschaft, mittägliche Rast, Beisammensein der Familie, Frömmigkeit – diese Themen sprechen die Besucher an. „Das war aber nicht immer so friedlich und harmonisch, die Familien mussten schwer arbeiten auf den Feldern“, betont eine Besucherin. Und es gibt so viel zu entdecken: sogar die Herrenberger Stiftskirche hat der schwäbische Künstler in seinem Bild versteckt.

Beim dritten Bild, ‚Die Familie Terrasse‘ von Pierre Bonnard, entdecken die Betrachter rasch auch die Hunde und Katzen auf dem Bild und teilen ihre Erinnerungen an frühere Haustiere mit. Als Lutzeier die Führung danach allmählich beenden möchte, um die Besucher nicht zu überfordern, drängt die Gruppe zur Fortsetzung: „Ein Bild geht noch“, so die Kunstliebhaber. Und so betrachten sie noch gemeinsam ein ganz modernes Gemälde, den ‚Ordnungshüter‘ von Neo Rauch, bevor sie sich vor der Heimfahrt zu einer abschließenden Kaffeerunde zusammensetzen.

„Es ist schön und berührend, dass sich die meisten Teilnehmer von den Bildern ansprechen ließen und ihre Gedanken, Emotionen und Erinnerungen miteinander geteilt haben“, freut sich Dorothee Einselen, Koordinatorin für den Fachbereich Demenz bei den Maltesern in Kirchheim. „Ich hoffe, dass noch viele weitere Malteser Gruppen mit demenziell veränderten Menschen dieses hilfreiche Angebot der Staatsgalerie Stuttgart nutzen.“

Weitere Infos:
Die Malteser in Kirchheim
Malteser Demenzarbeit
Staatsgalerie-Führungen für Menschen mit Demenz

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